
Es gibt Spiele, bei denen du bereits nach wenigen Minuten merkst, in welche Richtung die Reise geht.
Justin Wack and the Big Time Hack, 2022 vom Entwicklerteam von Warm Kitten veröffentlicht, erinnert vom ersten Augenblick an die goldene Ära der Point-and-Click-Adventures.
Wer Klassiker wie Day of the Tentacle liebt, wird sich hier sofort zuhause fühlen.
Verrückte Figuren, sarkastischer Humor, Zeitreisen, klassische Maussteuerung und knackige Rätsel – genau diese Mischung macht das Abenteuer so unterhaltsam.
Story

Justin arbeitet als IT-Supporttechniker bei der herrlich ironisch benannten MITtelmäßig GmbH.
Privat läuft es allerdings weniger gut, denn seine Freundin Julia hat sich von ihm getrennt.
Während seine Kollegen lieber fragwürdige Beziehungstipps verteilen oder während der Arbeitszeit Filme von Leslie Nielsen ansehen, versucht Justin zunächst einfach nur, sich etwas zu essen zu machen.
Und genau dort beginnt das völlige Chaos, es entsteht ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum.


Kaum tritt Justin durch das Portal, landet er in der Urzeit. Dort versteckt sich zunächst ein Urmensch namens Kloot, der durch das Portal in die Gegenwart flüchtet, während Justin in der Vergangenheit festsitzt.
Kurz darauf taucht plötzlich ein geheimnisvoller Roboter auf, der sich lediglich als Agent ausgibt.
Er gehört zu den sogenannten Pythonischen Agenten, deren Aufgabe darin besteht, Zeitreisende aufzuspüren und auszuschalten.
Ob der Name eine kleine Anspielung auf die Programmiersprache Python ist, bleibt offen, passt aber hervorragend zum Humor des Spiels.

Von diesem Zeitpunkt an steuerst du sowohl Justin in der Vergangenheit als auch Kloot in der Gegenwart. Besonders witzig: Kloot kommt völlig nackt in der Gegenwart an und spricht zunächst nicht.
Genau diese völlig überdrehten Ideen ziehen sich durch das komplette Spiel.

Humor

Der Humor gehört eindeutig zu den größten Stärken des Spiels.
Fast jede Figur besitzt ihre eigenen Macken und liefert regelmäßig herrlich trockene Kommentare.
Besonders gelungen fand ich die Darstellung der Dinosaurier. Tagsüber geben sie sich als freundliche Veganer, Moralapostel und fürsorgliche Betreuer eines „Kindergartens“ für die Ötzis aus.

Am Abend wählen dieselben Dinosaurier dann ganz gemütlich einen Urmenschen aus, den sie verspeisen. Genau dieser rabenschwarze Humor funktioniert erstaunlich gut.

Auch die Arbeitswelt der MITtelmäßig GmbH wird herrlich auf die Schippe genommen.
Während eigentlich wichtige Aufgaben erledigt werden sollten, geht es bei den To-do-Listen z.B. um banalste Dinge.
Die Dialoge sind angenehm kurz gehalten, meistens sehr witzig und bremsen das Spieltempo nie unnötig aus.

Rätsel
Der Schwierigkeitsgrad bewegt sich zwischen mittel und schwer.
Es kann durchaus passieren, dass du teilweise viel Zeit benötigst, bevor sich die richtige Lösung ergibt. Genau das macht für mich aber den Reiz guter Adventures aus, also ist es ein großer Pluspunkt.

Das Spiel besitzt zwar ein integriertes Hinweissystem, dieses drängt sich aber nie auf. Falls du Hilfe möchtest, kannst du sie jederzeit über das Menü aktivieren, was ich aber kein einziges Mal gemacht habe.

Ebenso schalte ich grundsätzlich Hotspot-Anzeigen aus, wenn ein Spiel diese Möglichkeit bietet.
Für mich gehört das gründliche Absuchen der Schauplätze einfach zum Adventure-Erlebnis dazu.
Sehr praktisch ist dagegen das optionale Aufgabenheft im Inventar. Es verrät weder Lösungen noch Handlungselemente, hilft aber dabei, den Überblick über offene Aufgaben zu behalten.
Später kannst du außerdem – ähnlich wie bei Day of the Tentacle – Gegenstände zwischen verschiedenen Zeitebenen austauschen. Nicht jeder Gegenstand lässt sich übertragen, vermutlich um die Komplexität etwas einzugrenzen.
Steuerung
Hier setzt das Spiel ganz bewusst auf klassische Adventure-Tugenden.

Besonders gefallen haben mir:
- Linksklick für sämtliche Aktionen wie Benutzen, Nehmen, Geben oder Kombinieren
- Rechtsklick zum Untersuchen
- klassischer Mauszeiger
- Inventar oben rechts
- nahezu jeder Gegenstand kann mit anderen Objekten oder Figuren kombiniert werden
- versuchst du zwei Gegenstände zu kombinieren, erscheint sofort ein rotes X, wenn die Kombination nicht funktioniert
Wer klassische Adventures kennt, findet sich sofort zurecht.
Grafik

Der Comicstil passt hervorragend zum Humor. Jede Epoche besitzt ihren eigenen Charakter. Du reist zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft und bekommst dadurch ständig neue Schauplätze zu sehen.
Besonders gelungen fand ich den Kontrast zwischen den Zeitebenen. Während in der Urzeit die Dinosaurier intelligenter wirken als die Menschen, haben in der Zukunft die Roboter längst die Kontrolle übernommen. Ironischerweise kämpfen sie inzwischen mit denselben alltäglichen Problemen wie ihre menschlichen Vorgänger.
Sound

Auch musikalisch passt das Gesamtbild hervorragend. Immer wieder wird das Geschehen von kleinen, fast schon werbungsähnlichen Jingles begleitet.
Dadurch entsteht eine wunderbar schräge Atmosphäre. Selbst in der Urzeit fühlt sich manches an, als würdest du gerade durch einen modernen Supermarkt spazieren.
Die Musik wiederholt sich zwar stellenweise, gestört hat mich das allerdings überhaupt nicht. Die englische Sprachausgabe ist gelungen und transportiert den Humor der Figuren sehr gut.
Sämtliche Texte sowie die komplette Benutzeroberfläche wurden dagegen vollständig ins Deutsche übersetzt.
Länge

Hier spielt Justin Wack ebenfalls seine Stärken aus. Wenn du ohne Komplettlösung, ohne Hotspot-Anzeige und ohne das integrierte Hinweissystem spielst, wirst du sehr lange beschäftigt sein.
Ich habe für meinen Durchgang über 35 Stunden benötigt.
Adventure-Veteran-Fazit

Justin Wack and the Big Time Hack ist eine herrlich verrückte Liebeserklärung an klassische Point-and-Click-Adventures.
Die deutlichen Day of the Tentacle-Anleihen sind unverkennbar, dennoch besitzt das Spiel genügend eigene Ideen, um nicht wie eine bloße Kopie zu wirken.
Besonders überzeugt haben mich:
- großartiger, sarkastischer Humor
- mehrere spielbare Figuren
- originelle Zeitreise-Mechanik
- klassische Steuerung
- knackige Rätsel
- angenehm lange Spielzeit
- sympathische Figuren
- liebevolle Anspielungen auf Adventure-Klassiker

Wenn du Point-And-Click-Adventures mit anspruchsvollen Rätseln, schrägem Humor und klassischen Spielmechaniken liebst, ist Justin Wack and the Big Time Hack genau das richtige Spiel für dich.
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